Im Laufe der Geschichte verfolgten die Herausgeber originalsprachlicher mittelalterlicher isländischer Handschriften verschiedene Ziele: politische, sprachwissenschaftliche, literarische. Je nach Absicht haben sie die schriftliche Wiedergabe der Texte in verschiedenerlei Hinsicht (um)gestaltet: normalisierend, altertümelnd oder aber mehr oder minder urkundengetreu (diplomatisch). Anhand dieser Ausgaben haben Grammatiker ihre Beschreibungen der altsiländischen (aisl.) Sprache erstellt, aber dabei verloren sie mit der Zeit häufig den Bezug zu den schwer zugänglichen und z.T. schwer lesbaren Urkunden. Doch bergen gerade deren besondere Schreibungen und Trennungen noch viele Aussagen über den Sprachzustand ihrer Zeit, der nur anhand diplomatischer Ausgaben durch neuartige EDV-Verfahren untersucht werden kann. Das hier "RWH-Projekt" genannte Unternehmen am Greifswalder Nordischen Institut hat zum Ziel, aus einem möglichst vollständigen Wurzel- und Affix-Wörterbuch des Altisländischen gemäß den aus den Grammatiken und Wörterbüchern induzierbaren Regeln die Stamm- und Formenbildung des Aisl. in einem deduktiven Vorgang zu erzeugen. An die Einträge des daraus entstehenden, vollständigen virtuellen Formenwörterbuches wollen wir die diplomatisch erfaßten und lemmatisierten Wortformenbelege ausgewählter, zeitlich gestaffelter aisl. Handschriften ankoppeln. Auf diese Weise können wir eine große Zahl morphologisch erschlossener Primärquellenbelege für gezielte sprachliche Untersuchungen bereitstellen. Anschließend werden wir die virtuellen Grammatikformen mit dem tatsächlichen Belegmaterial der Handschriften vergleichen, z.B. auf Vorkommenshäufigkeit und auf Sprachwandel innerhalb des von den Handschriften abgedeckten Zeitraumes. Dieser Vortrag will kurz die Bedeutung rechnerlesbarer diplomatischer Ausgaben für die altnordische Sprachwissenschaft heute darstellen und einen Überblick über Entstehung und Zielsetzung des Greifswalder RWH-Projektes geben und aufzeigen, wie dasselbe mit aisl. Handschriften verwoben werden soll.