Archaismus und Innovation im Verbalsystem des Balōčī
Agnes Korn
(Vortrag beim Symposion "Iranistik 2000" in Bamberg)
| Balōčī (Präs. / PP) | Urdu | |
| "sich hinlegen" | lēṭ- / lēṭit4 | lēṭ- |
| "wollen" | lōṭ- / lōṭit5 | lōṭ- |
| "treffen, finden" | mil(l)- / mil(l)it6 | mil- "verbinden etc." |
| "ankommen" | puǰǰ- / puǰǰit7 | puǰ- "vollendet werden" |
Persische Lehnwörter sind manchmal von "echten" Balōčī-Wörtern nicht zu unterscheiden,
sei es, daß das Wort nach den Balōčī-Lautgesetzen gleich lauten würde wie im Persischen8,
sei es, daß in Ermanglung von eindeutigen Beispielen für ein bestimmtes Lautgesetz nicht
klar ist, wie das Ergebnis im Balōčī lauten müßte.
Jedenfalls persische Lehnwörter (weil mit solchen persischen Lautwandeln, die im Balōčī
nicht stattgefunden haben) sind aber z.B. die folgenden, die eindeutig zum Grundwortschatz
zu rechnen sind:
| Balōčī | Persisch | Uriranisch | |
| "bringen" | (k-)ār-9 / ārt10, āurt11, āwurt12 | āvar-, ār- / āvard | *ā-bar- / *ābṛta- |
| "geben" | day-13, dah-14, da-15, dēy-16, dē-17, dī-18, / dāt19 | deh- / dād | *dad- / *dāta- |
| "gehen" | raw-20, ro-/ruw-21, ray-22, ra-23 / rapta24, šut25 | rav- / raft | *rab/p- (?) / *rafta- |
2. nordwestiranischer Wortschatz:
Andererseits bewahrt das Balōčī einiges Wortgut, das seit dem Anfang iranistischer
Beschäftigung mit der Einteilung der westiranischen Sprachen zum typischen Lexikon der
nordwestiranischen Sprachen gerechnet wird:26
| Nordwestiranisch27 | Südwestiranisch | |
| "sprechen" | *u̯ak: B guš- / gušt, K (Präs.) -bêj-, Z vac-28 / vat- | *gaub: P gūy- / goft, K (PP) got29 |
| "fallen" | *kap: B kap- / kapt, K -kev- / ket, Z kewn- / kewt-30 "in etwas hineingeraten" | *pat: P oft- / oftād |
B. Phonologie
1. Lautsystem
Beim Verbum kap- ist ein weiteres altertümliches Charakteristikum des Balōčī zu
beobachten: Hinsichtlich des Konsonantismus macht das Balōčī einen geradezu uriranischen
Eindruck.31 In anderen iranischen Sprachen hingegen werden intervokalische Konsonanten
geschwächt oder fallen ganz weg. Einige Beispiele:
| Persisch | Balōčī | Uriranisch | |
| "wärmen" | tāb- / tāft | tāp- / tāpt | *tāp-aya- (Kausativ zu *tap "heiß sein") |
| "wachsen" | rūy- / rost | rud- / rust | *rau̯d-/rud- |
| "laufen" | tāz- / tāxt | tač- / tatk (< *takt) | *tak- |
| "sieben" | bīz- / bīxt | geč- / getk (< *gekt) | *u̯ai̯č-/u̯ič |
| "schlagen" | zan- / zad | ǰan- / jat | *ǰan- |
Das Ur-Balōčī muß ein außerordentlich einfaches Phonemsystem gehabt haben, in dem
jegliche Frikative fehlen:
| p | t | č | k
| b
| d
| ǰ
| g
|
| s
| š
|
| w
| z
|
|
| m
| n
|
|
|
| r
|
|
|
| l
| y
| h
| |
Das Vokalsystem entspricht dem des Mittelpersischen und der persischen Dialekte. Im
Standardpersischen sind e und o mit ī bzw. ū zusammengefallen.
| a ā | ē | i ī | ō | u ū |
2. Retroflexe
Gegenüber den Verhältnissen im Ur-Balōčī ist das heutige Phonemsystem der West- und
Süd-Dialekte des Balōčī um ein paar Phoneme reicher:
| p | t | ṭ | č | k
| b
| d
| ḍ
| ǰ
| g
| (f)
| s
|
| š
| (x)
| w
| z
|
| ž
| (ġ)
| m
| n
|
|
|
|
| r
| (ṛ)
|
|
|
| l
|
| y
| h
| |
Die eingeklammerten Laute f, x, ġ und ṛ kommen nur in Lehnwörtern vor und auch dort nur
in gelehrter Aussprache (ansonsten werden sie durch p, k oder h, g und r ersetzt).
Ein modernes Element im Phonemsystem stellen hingegen die Retroflexe dar32, die in allen
allen Dialekten des Balōčī (mit Ausnahme von wenigen kleinen, die im Iran gesprochen
werden)33, die das Balōčī wohl in Anlehnung an die indischen Sprachen eingeführt hat.
C. Morphologie / Syntax
Auch in Morphologie und Syntax zeigt das Balōčī interessante archaische wie auch
innovative Eigenschaften.
1. Modalsystem:
Zusätzlich zu den allen Dialekten gemeinsamen einfachen Zeitformen ist im Balōčī ein neues
System von Modalbildungen entstanden. Die einzelnen Bildungen sind zwar je nach Dialekt
etwas verschieden34, allen gemeinsam ist aber, daß sie den Infinitiv und die Partizipien mit
einem Hilfsverb verwenden, während etwa im Persischen zum Ausdruck des gleichen Inhalts
ein Hilfsverb bzw. unpersönlicher Ausdruck in Verbindung mit dem Subjunktiv zur
gebraucht wird.35 Hier einige Modalbildungen des Balōčī (Dialekt von Karači) im Vergleich
zum Persischen und Indischen:
| Persisch | Balōčī | Urdu | |
| Bilde- mittel: | Hilfsverben / unpersönlicher Ausdruck + Prät.stamm / Subj. | Inf. PPrät. PPräs. (-ān) | Wurzel (√), Inf. (√-nā), PPrät. (√-ā), PIpf. (√-tā) |
| "immer wieder tun" | mī-(Präs./Prät.): mī-kardam | PPräs. + Kopula: man kār-kanān ã | PP + karnā "tun" PP (-e) + jānā "gehen" |
| "gerade tun" | dāštan + mī-(Präs./Prät.): dāštam mī-kardam | Inf.-ī (Gen.) + Kopula: man gušagī ã ("ich bin des Sagens") | PP-cahtā + Kopula, PI (-te) + jānā/rahnā |
| "sollen", "müssen" | bāyad + Subj., lāzem ast + Subj.: bāyad/lāzem ast be-ravam | Inf.-ī + Kopula: manā (Obl.) rawagī ẽ ("mir ist zu gehen") Inf.-ī + loṭag: manā (Obl.) rawagī loṭã | Inf. + Kopula ("mir ist zu tun") |
| "wollen" | xwāstan + Subj.: mīxwāham be-ravam | Inf. + lōṭag: man rawag lōṭã | Inf.(-nē) + cahnā "wollen" |
| "können" | tavānestan + Subj.: mī-tavānam be-ravam | PP + kanag: tau wapt kanē | Inf.(-nē) + pānā
"bekommen", √ + saknā "können" |
Das Urdu verwendet wie das Balōčī Partizipien (zusätzlich die Wurzel) mit einer Reihe von
Hilfsverben zum Ausdruck von modalen Kategorien. Es ist also wahrscheinlich indischer
Einfluß für die Entstehung des Modalsystems im Balōčī verantwortlich, wenn auch
interessanterweise das Balōčī die Bildungen des Urdu nur nachahmt, aber nicht direkt
übernimmt.
2. Ergativkonstruktion
Die meisten Dialekte des Balōčī weisen (ebenso wie z.B. das Kurdische, Zazaki und Pashto,
nicht aber das Persische) im Präteritum ergativische Konstruktionen auf: Intransitive Verben
werden ebenso konjugiert wie das Präsens (Präteritalstamm + Personalendungen), aber bei
transitiven erscheint der endungslose Präteritalstamm, das Subjekt tritt in den Obliquus und
das direkte Objekt in den Nominativ.
| Kasus des Subjekts | Verbalendung | Beispiel | |
| intransitives Verb | Nominativ (Sg., Pl. -∅) | Sg. -õ, -e, -∅; Pl. -ẽ, -e, -ã | 1.Sg. man šutõ, 3.Sg. ā šu |
| transitives Verb | Obliquus (Sg. -ā, Pl. -ān/ã), Pers.Pron. 1.,2.: Nom. | -∅; bei Pl.-Obj. +/- -ã | 1.Sg. man gušt, 3.Sg. āyā gušt |
An dem Umstand, daß die Personalpronomina der 1. und 2. Person bei der ergativischen
Konstruktion nicht im Obliquus, sondern im Nominativ stehen, zeigt sich, daß in einigen
Dialekten des Balōčī die ergativische Konstruktion zugunsten der aktivischen im Rückgang
begriffen ist, und tatsächlich werden z.B. in Karači neben den ergativischen auch aktivische
Konstruktionen verwendet (d.h. auch transitive Verben werden wie die intransitiven
konjugiert). In den im Iran gesprochenen Dialekten ist die Ergativ-Konstruktion völlig
aufgegeben worden. Der Übergang zu einem reinen Aktiv-System ist im Persischen schon
im Lauf der mittelpersischen Zeit vollzogen worden. Es liegt also nahe, den Rückgang des
Ergativsystems dem Sprachkontakt mit dem Persischen zuzuschreiben.
Das Balōčī zeichnet sich sowohl durch bemerkenswerte Altertümlichkeit als auch durch
besondere Modernität aus. Und im Gegensatz zu der in der Sprachwissenschaft oft noch
gehegten Meinung, diejenige Sprache sei besonders interessant, die besonders wenig
Einflüsse von anderen Sprachen zeigt, kann man auch die Ansicht vertreten, daß gerade die
jeweils eigene Mischung von Ererbtem und Geneuertem das Charakteristische einer Sprache
darstellt.
Literatur:
Abkürzungen:
ABG: Mumtaz Ahmad 1985: Baluchi Glossary. A Baluchi-English Glossary: Elementary Level. Kensington/Maryland
BMC: Muhammad Abd-al-Rahman Barker, Aqil Khan Mengal 1969: A Course in Baluchi. Montreal, 2 vol.
DTB: M. Longworth Dames 1891: A Text Book of the Balochi Language, consisting of Miscellaneous Stories, Legends, Poems, and a Balochi-English Vocabulary. Lahore
EAL: Josef Elfenbein 1990: An Anthology of Classical and Modern Balochi Literature. Wiesbaden, 2 vol.
EVM: Josef Elfenbein 1963: A Vocabulary of Marw Baluchi. Naples
EWAia: Manfred Mayrhofer 1986-: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen. Heidelberg
FBB: Tim Farrell 1990: Basic Balochi. An introductory course. Naples
GEB: Wilhelm Geiger 1890: Etymologie des Balūčī. in: Abhdlg. d. I Cl. d. Bayr. AdW XIX/I. p. 105-153
Fußnoten:
1. Einen Überblick über die besonders interessante Situation des Balōčī in Karachi gibt Farrell (im Druck). [back / zurück]| Achtung: Dieser Text ist mit Unicode / UTF8 kodiert. Um die in ihm erscheinenden Sonderzeichen auf Bildschirm und Drucker sichtbar zu machen, muß ein Font installiert sein, der Unicode abdeckt wie z.B. der TITUS-Font Titus Cyberbit Unicode. | Attention: This text is encoded using Unicode / UTF8. The special characters as contained in it can only be displayed and printed by installing a font that covers Unicode such as the TITUS font Titus Cyberbit Unicode. |