Die udische Sprache



Die Forschungsgeschichte der Kaukasischen Sprachen währt noch nicht sehr lang. Im Vergleich zur sprachwissenschaftlichen Tradition in Europa ist die Kaukasische Sprachwissenschaft relativ jung, sie existiert erst seit etwa zwei Jahrhunderten. Das Forschungsobjekt der Kaukasologie sind die Sprachen, die im Kaukasus verbreitet sind und nicht zu den indogermanischen, semitischen oder anderen Sprachfamilien gehören. Die Sprachlandschaft des Kaukasus ist außergewöhnlich vielfältig. Seit dem 7. Jh. v. Chr. berichteten die Griechen über die sprachliche Vielfalt im Kaukasus, dann auch die Römer und später die arabischen, persischen und europäischen Geographen des Mittelalters. Die in historischen Quellen angegebenen Zahlen bewegen sich zwischen 70 und 300 Sprachen. Mit vollem Recht kann der Kaukasus auch heutzutage als ein "Berg der Sprachen" bezeichnet werden.


In den kaukasischen Sprachen vereinigt man drei Sprachgruppen: Westkaukasisch, Südkaukasisch (oder Kartwelisch) und Ostkaukasisch. Das Udische bildet zusammen mit neun weiteren Sprachen (Lezgisch, Tabasaranisch, Agulisch, Rutulisch, Caxurisch, Arcinisch, Kryzisch, Buduxisch, Xinalugisch) die lezgische Untergruppe der OKS. Es gehört, wie auch viele andere Sprachen des ostkaukasischen Berglandes, zu den Sprachen, die von wenigen Tausend Menschen in einem eng begrenzten Areal gesprochen werden. Die Uden wohnen heutzutage geschlossen in drei Dörfern: in Wartaêen und Nij (auf dem Territorium der Azerbajdzhanischen Republik) sowie in Zinobiani (heute Oktomberi im Bezirk Kvareli in Ostgeorgien), dessen Einwohner in den Jahren 1920-22 aus Wartaêen übergesiedelt sind. Die Anzahl der Uden bewegt sich nach verschiedenen Quellen zwischen 1000 und 10000. Hierdurch bot sich für die Uden in Azerbajdzhan die türkische Nationalität an, in Georgien die georgische. Heutzutage sind die Uden als mindestens dreisprachig (Russisch, Azerbajdzhanisch, Georgisch, Udisch) anzusehen, sofern sie Udisch überhaupt als Muttersprache beibehalten haben.


Das Udische gehört zu den Sprachen, die in der Kaukasologie relativ früh und gut untersucht wurden. Die erste umfassende grammatische und textliche Darstellung des Udischen wurde von Anton Schiefner unter dem Titel "Versuch über die Sprache der Uden" herausgegeben (1863). Schiefners "Versuch" bildete die Grundlage für Friedrich Müller, der 1887 in seinem "Grundriß der Sprachwissenschaft" Band III, 2 das Udische behandelte. Vier Jahre später (1891) erschien in St. Petersburg ein kaukasisches Gesprächsbuch, das A. Starchevskij unter dem Titel "Perevodnik s russkogo na glavnejshie kavkazskie jazyki" herausgab. Auf der Grundlage dieses Materials erschien das Werk von Richard Erckert "Die Sprachen des Kaukasischen Stammes" (1895), das 545 Wörter (hauptsächlich Nomina, Pronomina, ,Numeralia, Adverbien , Adjektive, Verben) enthält, aber auch 169 Sätze in 30 verschiedenen kaukasischen Sprachen oder Dialekten. Das Udische wird im Zusammenhang mit einer Darstellung dieser Sprachen behandelt (II Kap., S.61-68). Der nächste veröffentlichte Beitrag, die "Grammatika udinskogo jazyka" (1904) des berühmten Sprachforschers Adolf Dirr, enthält eine grammatische Beschreibung, aber auch weiteres Textmaterial. Weitere Forschungsergebnisse zum Udischen verarbeitete Dirr 1928 in seiner "Einführung in die Kaukasischen Sprachen" , die die grammatischen Grundfragen aller Kaukasischen Sprachen beschreibt, darunter auch des Udischen (S.334-342).


In den westlichen Arbeiten zur Kaukasologie fand das Udische seither weniger Beachtung. Eine Ausnahme stellt die Veröffentlichung "Beiträge zur Kenntnis des Udischen auf Grund neuer Texte" (1939) von K. Bouda dar, worin die Frage der Dialektunterschiede des Udischen betrachtet . Aus den 80-er Jahren ist die Monographie von W. Schulze "Die Sprache der Uden in Nord-Azerbajdzan" (1982) zu nennen.


Die planmäßige Untersuchung der udischen Sprache begann in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren. 1931 plante man, eine udische Fibel für die erste Klasse der udischen Schulen zu schaffen, die jedoch erst drei Jahre später unter dem Titel "samji däs" in Suchumi veröffentlicht wurde. Die von V. Panchvidze im Jahre 1949 vorgelegte Dissertation zum Udischen erschien erst 1974 als Monographie unter dem Titel "Die grammatische Analyse des Udischen"(auf georgisch); diese Arbeit wurde von E. Jeiranischwili mit der Monographie "Die udische Sprache" (auf georgisch) fortgesetzt . In den letzten Jahren sind Artikel über das Udische von T. Sicharulidze und M. Kurdiani erschienen. Ferner kam 1999 ein von Heinz Fähnrich bearbeitetes udisch-deutsches Wörterverzeichnis heraus. Die Grundlage für die elektronische Verarbeitung des Udischen (bzw. die Computermodellierung und die Datenbasis für das Udische) wird von M. Tandaschwili entwickelt. Eine Neuausgabe der Udi-Evangelien ist soeben erschienen: Wolfgang Schulze, The Udi Gospels. Annotated Text, Etymological Index, Lemmatized Concordance. (2001)


Daß die udische Sprache besonders gründlich von der allgemeinen und historischen Sprachwissenschaft beachtet wurde, liegt einmal an ihren Besonderheiten in typologischer Hinsicht, aber auch daran, daß sie als "Relikt" des sog. kaukasischen "Albanischen" aus dem Mittelalter angesehen werden kann. Mit diesem Namen beziehen wir uns auf ein Volk, das in der Zeit des 4.-13. Jh. im heutigen Ostazerbajdzhan bis zur Grenze von Armenien und Georgien lebte. Die armenischen Quellen berichten von dem östlich angesiedelten Volk der 'aluan-k', die georgische Geschichte nennt dieselben Leute 'her-n-i'. Wie die armenischen historischen Quellen einmütig feststellen, hatten die kaukasischen Albaner ihr eigenes Schrifttum. Da die Albaner mit den sog. Iberern, d.h. Georgien und den Armeniern die drei christlichen Völker des Kaukasusgebietes bildeten, ist anzunehmen, daß die Albaner vor der arabischen Invasion über die Hauptbücher der christlischen Glaubenslehre verfügten. Auch die auf armenisch existierende "Geschichte der Albaner", kann aus dem Albanischen übersetzt sein.
Während der arabischen Herrschaft im Kaukasus zerfiel die albanische Kirche und wurde teils mit der armenischen, teils mit der georgischen orthodoxen Kirche vereinigt.

Erste Hinweise auf die Existenz einer eigenen albanischen Schrift wurde 1937 von dem georgischen Forscher I.Abuladze in einer armenischen Handschrift aus dem 15 Jh. gefunden, die neben den Alphabetlisten anderer Sprachen auch solche des Albanischen enthielt. Es existiert noch eine zweite, spätere Handschrift, die 1956 von H. Kurdian in Amerika gefunden wurde. Dieser Liste gemäß weist das Albanische insgesamt 52 Zeichen auf, und zwar in derselben Reihenfolge wie im armenischen Alphabet. Das heißt, daß die spezifischen Laute nicht wie im georgischen Alphabet am Ende, sondern , wie auch im armenischen zwischen den 24 dem griechischen Alphabet entsprechenden Zeichen angeordnet sind.


Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des albanischen Alphabets wurden die epigraphischen Denkmäler von Mingetschauri (Azerbaidzan) gefunden. Es sind 7 verschiedene Fragmente , nämlich eine Inschrift auf dem Postament eines Altars und 6 Inschriften auf tönernen Kerzenhaltern und Öllampen, die insgesamt etwa 200 Zeichen enthalten. Diese Inschriften können allerdings nur schwer mit Hilfe des albanischen Alphabets dechiffriert werden. Die Unterschiede werden aus dem großen zeitlichen Abstand zwischen der Entstehung der Inschrift (V-VII Jh.) und den Alphabetslisten (XVI Jh.) erklärt.



Einige phonetische Besonderheiten, wie z. B. die Vielfältigkeit der Zischlaute, die Existenz zahlreicher Gutturale und Hinterzungenlaute, sowie pharyngalisierter Vokale, das Fehlen einzelner Phoneme (z.B. dz), legt es nahe, die albanische Sprache als mit den kaukasischen Sprachen verwandt zu betrachten, und sie sogar mit der udischen Sprache zu identifizieren. Auch die auf der lateinischen Schrift basierende Udische Fibel "samji däs", die von T. Jeiranischwili zusammengestellt wurde, enthält 51 Buchstaben; das von S. Bezhanov auf der Grundlage der russischen Schrift entwickelte udische Alphabet enthält 47 Zeichen. Im Udischen fehlt merkwürdigerweise das Phonem dz. Nur in vier Lehnwörtern erscheint es: dzabri "Trichter", xadzal "Laub", mändzil "Entfernung", ghandzil "Gemüseart", wobei es aber jeweils auch Parallelformen mit z wie zabri usw. gibt. Allein aufgrund der Ähnlichkeiten in der phonetischen Struktur des Udischen und des Albanischen läßt sich also bereits annehmen, daß die Uden als Nachfahren der Albanier gelten können, zumal auch morphologische und lexikalische Übereinstimmungen vorliegen. Sprachmaterialen des Albanischen sind allerdings nur in geringem Umfang verfügbar. Es handelt sich im wesentlichen um die albanischen Monatsnamen, die in sechs verschiedenen armenischen Handschriften, aber auch in georgischen historischen Quellen aufgeführt sind und die erste Hinweise auf den sprachlichen Charakter des Albanischen geben können.



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18.06.2002

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