TITUS
Author: Herr.Wild. 
Herrand von Wildonie
Book: Kone 
Diu getriu kone

On the basis of the edition
Herrand von Wildonie,
Vier Erzählungen.
Hrsg. v. Hans Fischer.
2., rev.Aufl. besorgt von Paul Sappler.
Tübingen: Niemeyer 1969.
(= Altdeutsche Textbibliothek. 51.)

entered by Andrea Hofmeister-Winter,
Graz 2006;
TITUS version by Jost Gippert
Frankfurt a/M, 26.11.2008




Verse: 1    Wir suln von lieben dingen sagen
Verse: 2    
und leider mære gar gedagen,
Verse: 3    
wan tuont dem herzen gar.
Verse: 4    
ich hân alliu mîniu jâr
Verse: 5    
mit leiden mæren her verzert,
Verse: 6    
von ich freuden bin behert.
Verse: 7    
wan guotiu mære machent frô;
Verse: 8    
diu leiden hânt getân mir ,
Verse: 9    
daz ich ir williclîche enbir.
Verse: 10    
swâ diu wal stât an mir,
Verse: 11    
wel ich, daz mir rehte kumt
Verse: 12    
und mich an mînen freuden frumt.
Verse: 13    
nu ist daz mîn meistez leit,
Verse: 14    
daz mir diu wal ist gar verseit.
Verse: 15    
sît mir nieman niht wil sagen,
Verse: 16    
daz mir von rehte müge behagen,
Verse: 17    
bin aber ich wolgemuot,
Verse: 18    
daz ich vil lieber sage guot,
Verse: 19    
dan daz mir niht gezæme
Verse: 20    
und ieman freude næme.
Verse: 21    
von wil ich ein mære sagen,
Verse: 22    
daz iu von rehte muoz behagen.
Verse: 23    
Ein ritter het ein schoene wîp,
Verse: 24    
diu was im liep als sîn lîp.
Verse: 25    
daz was billîch: ir schoene was
Verse: 26    
durchliuhtic als ein spiegelglas;
Verse: 27    
dar zuo was den vollen guot.
Verse: 28    
swâ ein wîp ist gemuot,
Verse: 29    
daz schoene güete hât,
Verse: 30    
der lîp billîch ze loben stât.
Verse: 31    
diu reine was êrbære,
Verse: 32    
daz ir man kein herzenswære
Verse: 33    
von den dingen nie gewan;
Verse: 34    
von mohte er gerne hân.
Verse: 35    
was an zühten volkomen,
Verse: 36    
daz nie niht wart von ir vernomen,
Verse: 37    
daz man für unzuht möhte hân;
Verse: 38    
dar umb was ouch liep ir man.
Verse: 39    
bôt ez sînen friunden wol,
Verse: 40    
den gesten, als ein frum wîp sol.
Verse: 41    
ir wirt was an dem lîbe ein man,
Verse: 42    
daz er was niht wolgetân,
Verse: 43    
als er ez gerne het gesehen.
Verse: 44    
von im wil ich der wârheit jehen:
Verse: 45    
er was gerumphen unde klein.
Verse: 46    
der ritter vor den liuten schein,
Verse: 47    
als er wær hundert jâr alt;
Verse: 48    
des er doch niht gên ir entgalt:
Verse: 49    
er dûhte schoene als Absolôn
Verse: 50    
und sterker danne Sampsôn.
Verse: 51    
in ir herzen wart nie man,
Verse: 52    
den für in wolte hân.
Verse: 53    
daz machte ir grôziu frümikeit,
Verse: 54    
daz ander: er was gar bereit
Verse: 55    
ze alle diu, daz iemer man
Verse: 56    
an allen êren mac begân.
Verse: 57    
daz tet er allez völliclîch,
Verse: 58    
als ob er wære ein keiser rîch
Verse: 59    
gewesen und ein der schoenste man,
Verse: 60    
den al diu werlt ie gewan.
Verse: 61    
willic sînes muotes,
Verse: 62    
sînes lîbes, sînes guotes,
Verse: 63    
was er gar den undertân,
Verse: 64    
an den er êre solte begân.
Verse: 65    
von wart sîn unflætikeit
Verse: 66    
in allen landen hingeleit.
Verse: 67    
Nu kam ez nâch gewonheit,
Verse: 68    
daz dem ritter wart geseit
Verse: 69    
von einem urlouge grôz.
Verse: 70    
dar fuor vil manic sîn genôz;
Verse: 71    
dar fuor ouch er durch sînen muot
Verse: 72    
und tet ez rehte guot,
Verse: 73    
daz man im des prîses jach
Verse: 74    
für alle die, die man sach
Verse: 75    
(und wære er heime beliben,
Verse: 76    
müeset ir iuch hân verzigen,
Verse: 77    
daz ich iu niemer het geseit
Verse: 78    
von aller sîner frümikeit).
Verse: 79    
er daz beste het getân,
Verse: 80    
muose ouch er aldâ enphân
Verse: 81    
etelîchez herzenleit,
Verse: 82    
daz manigem was vil unbereit,
Verse: 83    
der ze hinderst was
Verse: 84    
(von dem bin ich der sage frî).
Verse: 85    
ein ouge im ûzgestochen wart
Verse: 86    
von einem, der sich ûf in spart
Verse: 87    
al die zît und in neit
Verse: 88    
umbe alle sîne frümikeit.
Verse: 89    
dem ritter tet sîn smerze ,
Verse: 90    
iedoch klagte er daz michels ,
Verse: 91    
als er sîn wîp an solte sehen,
Verse: 92    
daz ir wær leit an im geschehen.
Verse: 93    
wan ir leit daz was daz sîn,
Verse: 94    
sîn leit was ouch ir leides pîn.
Verse: 95    
Siner swester sun der wart
Verse: 96    
sîn gereise ûf dirre vart;
Verse: 97    
er was im ouch durch zuht verlân.
Verse: 98    
den nam er von den liuten dan
Verse: 99    
und sprach: "getriuwer friunt, nu var
Verse: 100    
und sage der reinen süezen klâr,
Verse: 101    
mîn dinc sich habe gefüeget ,
Verse: 102    
daz ich iemer mêr unfrô.
Verse: 103    
ich was ê nicht ein flætic man;
Verse: 104    
nu habe mir got alsô getân,
Verse: 105    
daz ich mich schame, daz billîch,
Verse: 106    
und welle ouch alliu tiutschiu rîch
Verse: 107    
rûmen und alliu diu lant,
Verse: 108    
ich namen bin bekant.
Verse: 109    
und sage der süezen, daz ir
Verse: 110    
mîn herze in allen landen ,
Verse: 111    
swar ich iemer mêr süle komen.
Verse: 112    
ich habe nie von ir vernomen
Verse: 113    
offenbâr noch heimlîch,
Verse: 114    
mit habe versmæhet mich.
Verse: 115    
ir zuht habe des niht erlân,
Verse: 116    
habe die êre mir getân,
Verse: 117    
daz ir diu werlt sol dester baz
Verse: 118    
sprechen. friunt, nu sage ir daz,
Verse: 119    
ich müge niemer mêr gesehen.
Verse: 120    
du solt ir des von mir verjehen:
Verse: 121    
ir schoenem lîbe, ir varwe klâr,
Verse: 122    
den müese ich sîn ein marter gar,
Verse: 123    
solte ich ir fürbaz wonen .
Verse: 124    
der marter sol wesen frî.
Verse: 125    
sît ich ir niht gedienen mac,
Verse: 126    
sol ouch deheinen tac
Verse: 127    
von mir gewinnen niemer leit."
Verse: 128    
Der bote weinent von im reit
Verse: 129    
und kam hin, dar er wart gesant.
Verse: 130    
diu frouwe gienc gên im zehant;
Verse: 131    
vienc in zuo ir unde sprach:
Verse: 132    
"vor maniger zît ich nie gesach
Verse: 133    
deheinen boten alse gern,
Verse: 134    
und wilt du lieber mære wern
Verse: 135    
mich, friunt, von dem neven dîn.
Verse: 136    
sage an: ist frô der hêrre mîn?"
Verse: 137    
daz kindel weinent sprach gên ir:
Verse: 138    
"er hât enboten, frouwe, dir,
Verse: 139    
sîn dienest, unde swâ er ,
Verse: 140    
wone dir doch sîn herze .
Verse: 141    
daz hâst du wol gên im versolt.
Verse: 142    
ez habe nie schoene wîp gedolt
Verse: 143    
mit solhen zühten keinen man,
Verse: 144    
und der als übel wær getân.
Verse: 145    
sîn lîp wær dir ievor ze swach;
Verse: 146    
nu ein solher ungemach
Verse: 147    
im geschehen, daz er dir
Verse: 148    
ze smæhe an dînem bette
Verse: 149    
und müge dich niemer mêr gesehen."
Verse: 150    
diu reine sprach: "waz ist geschehen
Verse: 151    
im, an dem mîn freude stât?"
Verse: 152    
der bote sprach: "ein ouge er hât
Verse: 153    
verlorn und doch vil ritterlîch."
Verse: 154    
diu guote sprach: "friunt triuwen rîch,
Verse: 155    
nu renne balde und bite in komen,
Verse: 156    
und ich habe von im vernomen,
Verse: 157    
daz mir fürwâr gevalle niht.
Verse: 158    
des smerzen habe ich mit im phliht
Verse: 159    
billîchen, wan ez ist ein lîp.
Verse: 160    
ich bin ouch gemuot ein wîp,
Verse: 161    
daz mir ist als liep mîn man:
Verse: 162    
und solte er tûsent ougen hân
Verse: 163    
(und daz im diu stüenden wol),
Verse: 164    
wil ich unde billîch sol
Verse: 165    
sîn einic ouge hân zart,
Verse: 166    
daz mîn herze daz bewart,
Verse: 167    
daz ez gedenken müge dar an,
Verse: 168    
ob ez im übel süle stân."
Verse: 169    
"frouwe, ich sol dich triegen niht:
Verse: 170    
mîn reise diu ist gar enwiht.
Verse: 171    
von mich belîben hie.
Verse: 172    
nu weist du wol, daz er daz nie
Verse: 173    
gegen dir kein zît gebrach,
Verse: 174    
swaz er ernestlîchen sprach."
Verse: 175    
"nu wolte got", diu reine jach,
Verse: 176    
"daz an mir al sîn ungemach
Verse: 177    
læge, und daz er wære ein man
Verse: 178    
als schoene, als er sich wolte hân.
Verse: 179    
ich hoere daz wol, ich muoz enbern
Verse: 180    
sîn, den ich doch hete gern.
Verse: 181    
daz ist ein jæmerlîchiu nôt,
Verse: 182    
wan âne in bin ich tôt.
Verse: 183    
nu bitte ich, lieber friunt, dich,
Verse: 184    
daz du in sehest noch durch mich
Verse: 185    
und füerest im mîn kleinât hin.
Verse: 186    
nu warte mîn, unlange ich bin."
Verse: 187    
diu guote gienc von im zehant
Verse: 188    
in ir kemenâten, vant
Verse: 189    
ein schære, und stach vil balde dar
Verse: 190    
ir selben ûz ein ouge gar,
Verse: 191    
daz ez ir über ir wengel ran.
Verse: 192    
alsô bluotic gie dan
Verse: 193    
für den boten. der enkam;
Verse: 194    
mit beiden handen er sich nam
Verse: 195    
ze hâre und schrei: "wê iemer ach,
Verse: 196    
grôziu dinc ich nie gesach!
Verse: 197    
frouwe guot, waz sol daz sîn?"
Verse: 198    
sprach: "nu sage dem hêrren dîn,
Verse: 199    
daz er her kume und sehe mich an:
Verse: 200    
dunke ich in noch ze wolgetân,
Verse: 201    
ich neme dem andern sînen schîn
Verse: 202    
(sô liep ist er dem herzen mîn);
Verse: 203    
und welle ich im verwîzen iht,
Verse: 204    
daz er mit einem ougen siht,
Verse: 205    
müge er wol von wârheit jehen,
Verse: 206    
ich müge ouch wan mit einem sehen."
Verse: 207    
sprach: "var hin, vil lieber knabe,
Verse: 208    
und bite in des, daz er abe
Verse: 209    
solhes muotes und her kome,
Verse: 210    
daz im iemer an mir frome."
Verse: 211    
Der knabe weinent von ir gie,
Verse: 212    
wan im wart leide nie.
Verse: 213    
er saz ûf, im was vil gâch.
Verse: 214    
als er den hêrren sîn ansach,
Verse: 215    
weinent lief er gên im dar
Verse: 216    
und sagte im allez daz vil gar,
Verse: 217    
daz er heime het gesehen;
Verse: 218    
und swes diu guote het verjehen,
Verse: 219    
des selben er aldâ gewuoc.
Verse: 220    
der ritter sich zen brüsten sluoc.
Verse: 221    
er sprach: "owê mir iemer !
Verse: 222    
ich het dar baz geriten ê.
Verse: 223    
ach, daz ich ie wart geborn!
Verse: 224    
wie hât mîn schoene wîp verlorn
Verse: 225    
ir ouge. daz ich ie wart!"
Verse: 226    
der hêrre von der swarten zart
Verse: 227    
sîn hâr. ein ritter zuo im spranc,
Verse: 228    
der sprach: "nu habe iemer danc;
Verse: 229    
hât iu daz erzeiget wol,
Verse: 230    
daz ist gen iu triuwen vol."
Verse: 231    
daz wort im alse nâhen gie,
Verse: 232    
daz er ein kraft von gevie
Verse: 233    
und dâhte: "mir sagt wâr der man.
Verse: 234    
ich wil dester lieber hân.
Verse: 235    
wan hât erzeiget mir,
Verse: 236    
daz hât gên mir friundes gir."
Verse: 237    
er sprach zem boten: "balde var,
Verse: 238    
vil lieber friunt, und bewar,
Verse: 239    
daz ir mêr iht schaden tuo
Verse: 240    
(ich strîche spâte unde fruo
Verse: 241    
zuo der vil reinen wandels frî),
Verse: 242    
und sage ir, daz ich iemer
Verse: 243    
nâch ir willen umb die tât,
Verse: 244    
die an mir erzeiget hât."
Verse: 245    
Er îlte nâch im, im was gâch.
Verse: 246    
als er die minniclîchen sach,
Verse: 247    
vor liebe weinent lief er dar.
Verse: 248    
diu reine minniclîche klâr
Verse: 249    
sprach: "friunt, lieber hêrre mîn,
Verse: 250    
du solt mir willekomen sîn."
Verse: 251    
der hêrre sprach: "owê, wie sol
Verse: 252    
ich, liebiu, dich ergetzen wol
Verse: 253    
dînes smerzen, den dîn lîp
Verse: 254    
hât durch mich, vil wîplich wîp,
Verse: 255    
enphangen? der mînen tât,
Verse: 256    
die mîn lîp begangen hât!"
Verse: 257    
diu guote sprach: "und wilt du mich
Verse: 258    
ergetzen wol, daz lêre ich dich,
Verse: 259    
solt du des getrouwen mir,
Verse: 260    
daz niuwan gên dir stê mîn gir;
Verse: 261    
und lâz ouch mich dir wol behagen.
Verse: 262    
und solte ich tûsent ougen tragen
Verse: 263    
und gevielen dir diu niht,
Verse: 264    
solten mir sîn enwiht."
Verse: 265    
Swer vor die frouwen gerne sach
Verse: 266    
durch die schoene, der man ir jach,
Verse: 267    
der sach nu vil lieber an
Verse: 268    
durch die triuwe, die ir man
Verse: 269    
erzeiget het; daz was billîch,
Verse: 270    
wan was schoene und triuwen rîch.
Verse: 271    
von baz ze loben stât
Verse: 272    
dan manigiu, diu zwei ougen hât.
Verse: 273    
Swaz noch getriuwer konen ,
Verse: 274    
die tuo got alles leides frî.
Verse: 275    
den allen sol ich sîn bekant
Verse: 276    
von Wildonie Herrant.



This text is part of the TITUS edition of Herrand von Wildonie, Diu getriu kone.

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