TITUS
Konrad von Megenburg, Buch der Natur
Part No. 5
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Book: IIIC     III.
Line: 26    
Line: 27    
C.

Line: 28    
VON DEN MERWUNDERN.



Line: 29    Nu ist zeit, daz wir sagen von den merwundern,
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pei wir verstên auch oft guot und übel an dem menschen.   30
Line: 31    
wan wie daz sei, daz der mensch von nâtûr edler sei
Line: 32    
denn kain ander tier, iedoch wenn er niht leben wil nâch
Line: 33    
menschleicher art und nâch vernunft, macht er sich

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Line: 1    
pœser wan kain ander tier ist und lebt an etsleichen siten
Line: 2    
eim pfärd geleich, an etsleichen eim hund oder eim vogel,
Line: 3    
und dar umb dürf wir niht auz dem land laufen durch
Line: 4    
merwunder ze sehen: wir haben ir pei uns genuog. Des
Line: 5    
êrsten well wir sagen von den merwundern, der namen   5
Line: 6    
sich ze latein an ainem A anhebent, und dar nâch an
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ainem B, als unser sit vor gewesen ist.



Chapter / Strophe: 1     1.
Line: 8    
Line: 9    
VON DEM AUZGÄNGEL.



Line: 10    
Abides ist ain merwunder, daz mag ze däutsch hai\zen   10
Line: 11    
ain auzgängel, dar umb, sam Aristotiles spricht, daz
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tier ist ain mertier und ist des êrsten ain wazzertier, alsô
Line: 13    
daz ez erzogen wirt in gesalzem wazzer; dar nâch ver\ändert
Line: 14    
ez sein nâtûr und verkêrt sein gestalt aller ding
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und gêt auz dem wazzer und wirt ain lanttier und nert   15
Line: 16    
sich after des auf dem land, und dar umb verändert ez
Line: 17    
auch seinen namen und haizt dann ze latein astois, daz
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mag ze däutsch haizen ain peiständel, dar umb, daz ez
Line: 19    
dann pei uns stêt auf dem land. wærleich, daz ist wol
Line: 20    
ain wunder, daz sich an dem tier paideu nâtûr und nâ\türleich   20
Line: 21    
siten und auch der nam verändert. Pei dem tier
Line: 22    
verstên ich ainen iegleichen jungen menschen, der in der
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jugent gar tugenthaft ist, die weil er under der ruoten
Line: 24    
lebt in dem gesalzenn wazzer guoter strâf und weiser
Line: 25    
lêre, haizt er denn ain engel oder engellisch. aber    25
Line: 26    
er gewehset und sein selbes ist, verkêrt er all sein
Line: 27    
tugent in untugent, dar umb haizt er dann ain teufel.
Line: 28    
von dem spricht der gemain spruch: junger engel, alter
Line: 29    
tiefel.



Chapter / Strophe: 2     2.
Line: 30    
Line: 31    
VON DEM MERFRAZ.



Line: 32    
Achime mag ze däutsch haizen ain merfrâz. daz tier
Line: 33    
ist ain merwunder, sam Aristotiles spricht, und ist fræziger

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Line: 1    
dann kain ander mertier. ez lebt des raubes in dem mer,
Line: 2    
und waz ez izzt daz verkêrt sich allez in veizten seins
Line: 3    
leibes. daz tier hât kainen magen und dar umb ez
Line: 4    
izzt, wirt sein pauch zeplæt, und wenn sein leip niht
Line: 5    
mêr gestrecket mag werden, wirft daz tier die visch   5
Line: 6    
datz dem mund auz. daz tuot ez gar leihticleich, wan
Line: 7    
sein munt ist nâhent pei dem leib, alsô daz ez kainen
Line: 8    
hals hât. des habent auch andreu mertier niht, wan kain
Line: 9    
visch hât ainen hals. Aristotiles spricht, daz der mer\frâz
Line: 10    
die art hab, daz er sich einwelz sam ain igel wenn   10
Line: 11    
man in vâhen well, und wenn er enpfint, daz er niht en\pfliehen
Line: 12    
mag, ob er sich wider entslüng, izzt er sein
Line: 13    
aigen flaisch, wenn in der hunger sêr twingt, und ist im
Line: 14    
lieber, er verzer sein selbes ain stuk, denn daz in diu
Line: 15    
mertier mitenander verzerten, diu in vâhen wellent. Pei   15
Line: 16    
dem tier verstên ich die geitigen amtläut, rihter, scherigen
Line: 17    
und ander abreizer, die nümmer vol werdent, unz in die
Line: 18    
visch datz den münden auz reisent, daz ist, wenn ir
Line: 19    
pôshait offen wirt, daz si ir selber pôshait bekennen
Line: 20    
müezent: wenn si dann die herren jagent und si dar umb   20
Line: 21    
verderben wellent, ziehent si sich ein und ezzent von
Line: 22    
in selber ain stuck, ê daz si zemâl verderbent, daz ist:
Line: 23    
ei gebent ir guot oder ain tail, ê daz si die häls ver\liesen.
Line: 24    




Chapter / Strophe: 3     3.
Line: 25    
Line: 26    
VON DEM HERTSNABEL.



Line: 27    
Barchora haizt ain hertsnabel, wan sam Aristotiles
Line: 28    
spricht, daz mertier hât ainen herten snabel, næm ez
Line: 29    
ainen stain in seinen munt, ez zerpræch in mit dem sna\bel.
Line: 30    
und von spricht Aristotiles, daz kain ander tier   30
Line: 31    
ainen herten munt hab. daz tier izt neur klain visch
Line: 32    
in dem mer. Pei dem tier verstên ich die gar hertes
Line: 33    
sinnes sint und alsô unvernünftig, daz si neur kleineu
Line: 34    
dinch begreifen mügent.

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Chapter / Strophe: 4     4.
Line: 1    
Line: 2    
VON DEM KUTSCHDRILLEN.



Line: 3    
Cocodrillus haizt ain kutschdrill. daz ist ain vier\füezig
Line: 4    
tier und lebt gleich auf dem land und in dem
Line: 5    
wazzer, sam Jacobus und Solînus und Plinius sprechent.   5
Line: 6    
daz tier ruot oft an dem tag auf dem land und ligt alsô
Line: 7    
still, daz gedæchtest, ez wær tôt, westest dann die
Line: 8    
gewonhait an im, und ligt mit offem mund, unz die vo\gel
Line: 9    
zuo im vallent als zuo ainem âs, verslindet ez si.
Line: 10    
aber des nahts wont ez in dem wazzer. ez hât kain zun\gen   10
Line: 11    
und hât ain weit ginendez maul unz an diu ôrn. ez
Line: 12    
wegt den obern kinpacken und den undern niht. ez hât
Line: 13    
auch gar scharpf klâen, mit ez sich wert. daz tier
Line: 14    
izt in dem winter niht, und wenn ez ainen menschen er\tœtt,
Line: 15    
waint ez in. wenn man im sein herz auz seim   15
Line: 16    
leib gewirft, lebt ez etswie lange dar nâch. daz tuont
Line: 17    
andreu tier niht. Pei dem tier verstêt man den wuoch\rær,
Line: 18    
der die armen kaufläut haime lädt zuo dem wehsel
Line: 19    
oder zuo anderm geding, und verslint si dann ze letzst
Line: 20    
alsô ganz.   20



Chapter / Strophe: 5     5.
Line: 21    
Line: 22    
VON DEM DENKFUOZ.



Line: 23    
Cricos mag ain denkfuoz haizen, wan sam Aristotiles
Line: 24    
spricht, daz ist ain mertier und hât zwuo spalten an dem
Line: 25    
end des fuozes. die machent im drei zêhen mit drein   25
Line: 26    
kræweln. ez hât auch den rehten fuoz klain und den
Line: 27    
denken grôz, und dar umb wenn ez gêt, tregt ez sei\nen
Line: 28    
leip zemâl auf dem denken fuoz. ez ist krank wenn
Line: 29    
ez unwitert und legt sich an die stain wenn die wind
Line: 30    
ungestüem sint und regt sich niht. Daz tier bedäut die   30
Line: 31    
läut, die sich gar sêr fürhtent vor irn laidigærn und
Line: 32    
durchæhtern und getürrent sich nindert geregen.

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Chapter / Strophe: 6     6.
Line: 1    
Line: 2    
VON DEM KILON.



Line: 3    
Chylon ist ain mertier, daz hât die art, daz ez kain
Line: 4    
auzwendig ezzen nimt, wan ez wirt gespeist und gefuort
Line: 5    
von seiner aigenen fäuhten, diu auz im gêt, sam Aristo\tiles   5
Line: 6    
spricht, und diu selb fäuht ist gar zæch, von ez
Line: 7    
gefuort wirt. dar umb ist daz tier alle zeit nüehtarn und
Line: 8    
ist doch starch an dem leib und mähtig. alsô sehen wir
Line: 9    
auch an den frawen, daz si mêr vastens erleiden mügent
Line: 10    
wan die man, dar umb, daz si mêr fäuhter nâtûr sint   10
Line: 11    
und mêr überflüzzichait habent wan die man. Pei dem
Line: 12    
tier verstên ich diu freien ledigen herzen, diu alleu auz\wendigeu
Line: 13    
dinch ring wegent und lebent sicherleich in in
Line: 14    
selber.



Chapter / Strophe: 7     7.
Line: 15    
Line: 16    
VON DEM MERHUND.



Line: 17    
Canis maris haizt ain merhunt. daz ist ain grausam
Line: 18    
tier, sam Plinius spricht, und hûchet die läut gar veint\leich
Line: 19    
an, wan ez ist ain veint aller lebentiger ding, diu
Line: 20    
im entweichent. die merhund jagent die visch in dem   20
Line: 21    
mer, reht sam die rehten hund auf dem land andreu tier
Line: 22    
jagent, und vâhent ir gar vil. aber die merhund pellent
Line: 23    
niht, si hûchent neur mit den mäulern. Pei dem mer\hund
Line: 24    
verstên ich den pœsen gaist, der jagt tag und naht,
Line: 25    
wie er uns vâh in disem ellenden mer, und peilt niht,   25
Line: 26    
wan er warnt uns seiner lâg niht, er hûchet neur haim\leichen
Line: 27    
an uns. ach der vaig hunt, waz hât er uns ar\men
Line: 28    
sælichait ab gerizzen! got erparm sich über uns!



Chapter / Strophe: 8     8.
Line: 29    
Line: 30    
VON DEM MERTRACKEN



Line: 31    
Draco maris haizet ain mertrack.. daz ist ain grau\sam
Line: 32    
mertier und ist lanch und an der grœze sam ain

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Line: 1    
rehter track, ân daz er niht flügel hât. der mertrack hât
Line: 2    
ainen knodohten swanz und hât ain klainz haupt nâch
Line: 3    
seiner grœzen. sein piz ist vergiftig paideu läuten und den
Line: 4    
vischen in dem mer. er hât prait flozzen an der flügel
Line: 5    
stat, mit er swimt in dem wazzer gar snell und wei\ten   5
Line: 6    
vert. aber diu snellikait ist mêr von seiner sterken
Line: 7    
und von seiner kraft wan von den flozzen. der asch, der
Line: 8    
von seim pain kümt, ist guot zuo dem zantsiehtum. Pei
Line: 9    
dem tier verstên ich die pœsen puoben und die verræter
Line: 10    
und die ungetrewen schintvezzel, die habent knodocht   10
Line: 11    
swänz, wan si machent knoden an die gugeln und an
Line: 12    
die röck und umb und umb und frezzent die armen läut
Line: 13    
und werdent armen arbaitern nümmer holt.



Chapter / Strophe: 9     9.
Line: 14    
Line: 15    
VON DEM DELPHIN



Line: 16    
Delphinus haizt ain delphin. daz mertier hât kainen
Line: 17    
munt an der stat, in andreu tier habent, wan ez hât
Line: 18    
seinen munt an dem pauch unden, wider aller wazzertier
Line: 19    
art. Solînus spricht, daz die delphin ir zungen wegen
Line: 20    
und daz si gespitzelt zungen haben scharpf und rauch   20
Line: 21    
an dem griff und vast gepukelt. die zungen erstarrent
Line: 22    
und streckent sich auz irn münden, wenn die delphin zür\nent;
Line: 23    
aber wenne si gesänftigt werdent, besliezent sich
Line: 24    
die zungen wider an irn steten. der delphin smeckendeu
Line: 25    
kraft ist gar verporgen, alsô daz man niht kan gesehen,   25
Line: 26    
mit si smecken, wan si habent niht nasen. idoch
Line: 27    
smeckent si gar wol und gar aigenchleichen. ez spricht
Line: 28    
ain vorschær, daz der delphin hundert jâr und vierzig jâr
Line: 29    
leb mit ab gehawem swanz. si hœrent gar gern süez ge\sang
Line: 30    
und saitenspil. si sint gar snell und habent niht   30
Line: 31    
gallen, sam Aristotiles spricht. ez spricht auch ain vor\schær,
Line: 32    
ain mensch sei, daz ains delphins flaisch ezz,
Line: 33    
gevelt daz in daz mer und werdent sein die delphin ge\war,
Line: 34    
frezzent si ez zehant. ist aber, daz der mensch

Page: 236  
Line: 1    
des delphins niht izzt, tragent si in auz dem wazzer
Line: 2    
an daz lant und beschirment in vor andern mertiern. ez
Line: 3    
geschach auch, sam Albertus spricht, daz die schefläut
Line: 4    
in dem mer ainen härpfer angriffen und wolten in er\trenken,
Line: 5    
der hiez Arrio. pat der selb härpfær die   5
Line: 6    
schefläut, daz si in vor ain klain liezen harpfen. daz
Line: 7    
geschach. dar nâch wurfen si den härpfer in daz mer.
Line: 8    
kômen die delphin und nam in ainr auf den ruck und
Line: 9    
truog in auz an daz gestat. wenn ain delphin wirt ge\vangen,
Line: 10    
wainent in die andern, sam Plinius spricht,   10
Line: 11    
und wirt er ertœtt, begrabent in die andern. Albertus
Line: 12    
spricht auch, daz ain seltzam dinch geschæhe under den
Line: 13    
zeiten, der kaiser Augustus lebt, wan was ain kint
Line: 14    
in dem land Campani, daz ligt zwischen Rôm und
Line: 15    
Napels, daz kint loff stætigs zuo dem mer wenn im diu   15
Line: 16    
muoter ain prôt gab und zämt ainen delphin zuo im auz
Line: 17    
dem mer an daz gestat und ätzt in zuo letzt mit seiner
Line: 18    
hant. nu saz daz kindel ains tages auf den delphin,
Line: 19    
truog er ez oft in daz mer und her wider an daz lant.
Line: 20    
er nu daz kindel tôt vant, daz ain gesell seiner kurz\weil   20
Line: 21    
was gewesen, starp er von rehtem laid, daz ez
Line: 22    
manig mensch sach. Nu sprechent manig zuo mir, daz
Line: 23    
diu wunder lugen sein, und hœrent doch von türsen und
Line: 24    
von recken die grœsten lugen, die ich ie gehôrt. und
Line: 25    
von, daz si der wunder niht gesehen habent, gelaubent   25
Line: 26    
si ir niht. waz wil ich der? ich schreib daz ich weiz
Line: 27    
und dem ich wil und dem der ez wil.



Chapter / Strophe: 10     10.
Line: 28    
Line: 29    
VON DEM WAZZERPFÄRD.



Line: 30    
Equus fluminis haizt ain wazzerpfärt. daz ist ain   30
Line: 31    
merwunder gegen der sunnen aufganch, sam Aristo\tiles
Line: 32    
spricht. daz hât gar ain wunderleich gestalt und
Line: 33    
mag gleich wol in dem mer und auf dem land. daz
Line: 34    
tier hât hâr als ain pfärt und gespalten füez und hât

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Line: 1    
preischüehel als ain rint und hât ain hôhez antlütz und
Line: 2    
ainen zagel oder ainen swanz als ain swein und rüehelt
Line: 3    
als ain pfärt. sein haut ist dick und hert, sein ingwaid
Line: 4    
ist als ains rehten pfärds ingewaid. ez ist an der grœz
Line: 5    
als ain esel. mach auz waz wellest.   5



Chapter / Strophe: 11     11.
Line: 6    
Line: 7    
VON DEM MERRIND.



Line: 8    
Foca haizt ain merrint, sam der vorscher spricht.
Line: 9    
daz ist gar ain starkez tier und verändert sein stat niht
Line: 10    
gern, ez wont all zeit gern an der stat, ez diu nâtûr   10
Line: 11    
gemacht hât. ez ist gar ain küen tier und gar zornik
Line: 12    
und doch niht gegen fremden tiern, neur gegen seim
Line: 13    
hausgesind, wan ez vichtet alle zeit mit seiner frawen,
Line: 14    
unz ez si ertœt; wirft ez si danne von seiner stat und
Line: 15    
nimt ain ander, der tuot ez auch alsô und treibt daz    15
Line: 16    
lang, unz daz ez selber stirbt oder unz in sein weib über\windet
Line: 17    
und den ohsen tœtt. frezzent in dann sein
Line: 18    
aigeneu kint und werdent ze letzt als der vater. Pei dem
Line: 19    
merohsen verstên ich ainen iegleichen eifrær, der in seim
Line: 20    
haus promsent ist als ain per und gelebt nümmer güet\leichen   20
Line: 21    
mit seiner hausfrawen noch mit seim gesind.



Chapter / Strophe: 12     12.
Line: 22    
Line: 23    
VON DEM SWERTRÜEZEL.



Line: 24    
Gladius haizt ain swertrüezel. daz ist ain merwun\der,
Line: 25    
sam Isidorus und Plinius sprechent, daz hât ainen   25
Line: 26    
scharpfen rüezel als ain swert, mit durchgrebt ez diu
Line: 27    
schef und zeuht si under. sein snabel ist under sich ge\naigt.
Line: 28    
ez hât gezwiselt klâen und ainen knodoten zagel
Line: 29    
und hâkot zend geleich ains ebers zend. ez wirt ê ver\wunt
Line: 30    
an den füezen denn an kainem andern stuck seins   30
Line: 31    
leibes. man dræt scheft auz seiner haut. Pei dem tier
Line: 32    
verstên ich die valschen vorsprechen, die mit irm rüezel
Line: 33    
haimleich diu schef der gerehtikait durchgrabent vor

Page: 238  
Line: 1    
geriht und versenkent die läut, die mit rehten sachen
Line: 2    
varnt. ach wie klain die bedenkent, wie man ir wort
Line: 3    
sprech an dem letzten geriht!



Chapter / Strophe: 13     13.
Line: 4    
Line: 5    
VON DEM KILLEN



Line: 6    
Kilion, oder killon als ain ander puoch hât, daz
Line: 7    
mag ain kill haizen. daz ist ain wunderleich merwunder,
Line: 8    
sam Aristotiles spricht, wan diu nâtûr hât an dem tier
Line: 9    
geirret, als man wænt, oder diu nâtûr hât ir ordenung
Line: 10    
verkêrt an dem tier, wan alleu tier auf erden, si sein   10
Line: 11    
grôz oder klain, habent ir lebern in der rehten seiten
Line: 12    
und daz milz in der denken seiten: aber daz tier hât die
Line: 13    
lebern in der denken seiten und daz milz in der rehten.
Line: 14    
Pei dem tier verstên ich all verkêrt ordenung, als wenn
Line: 15    
die tôren die weisen lêren wellent und die schämel   15
Line: 16    
über die penk hupfent und daz adel unedelt.



Chapter / Strophe: 14     14.
Line: 17    
Line: 18    
VON DEM LUDLACHER.



Line: 19    
Ludolachra mag ain ludlacher haizen. daz ist ain
Line: 20    
merwunder an gestalt und an nâtûr gar wunderleich, sam   20
Line: 21    
Aristotiles spricht. daz hât vier vettach oder vier flügel,
Line: 22    
zwên an seinem antlütz und zwên an dem ruk. mit den
Line: 23    
vier flügeln vert ez wunderleichen snell von ainer stat an
Line: 24    
die andern, ez sein snellikait hin treibt. Pei dem
Line: 25    
tier verstên ich ainen iegleichen behenden menschen, der   25
Line: 26    
sinnreich ist. der hât zwên flügel an dem antlütz mensch\leicher
Line: 27    
nâtûr, daz ist menschleicher sêl; die zwên flügel
Line: 28    
sint vernunft und vernünftiger will. die andern zwên
Line: 29    
flügel hât er an dem ruk, daz ist an den gemainen kref\ten
Line: 30    
der sêl, mit der mensch überaintregt mit andern   30
Line: 31    
tiern, sam gesiht, gehœrd, und sämleich kreft der sêl;
Line: 32    
die zwên flügel sint erkennen und begern. mit den vier
Line: 33    
flügeln fliegt der sinnreich mensch verren und nâhen.

Page: 239  



Chapter / Strophe: 15     15.
Line: 1    
Line: 2    
VON DEM MERMÜNCH.



Line: 3    
Monachus marinus haizt ain mermünch. daz ist ain
Line: 4    
merwunder. daz ist in der gestalt als ain visch und oben
Line: 5    
als ain mensch und hât ain haupt als ain newbeschorn   5
Line: 6    
münch. oben an dem haupt hât ez platen, sam der Ste\phan
Line: 7    
des êrsten het, und hât ainen swarzen raif umb
Line: 8    
daz haupt ob den ôrn, reht als der reif ist von dem hâr,
Line: 9    
den die rehten münch habent. daz merwunder hât die
Line: 10    
art, daz ez die läut an dem gestat pei dem mer gern zuo   10
Line: 11    
im lokt und springt vor in in dem mer und nâhent zuo
Line: 12    
in, und wenn ez siht, daz die läut lustig sint in seinem
Line: 13    
spil, fräut ez sich und spilt dester mêr auf dem waz\zer,
Line: 14    
unz daz im ain mensch nâhen kümt, daz ez in
Line: 15    
hin gezucken mag, füert ez in under daz wazzer und   15
Line: 16    
frizt in. ez hât ain antlütz niht gar geleich ains men\schen
Line: 17    
antlütz, wan ez hât ain nasen als ain visch und
Line: 18    
hât seinen munt nâhent pei der nâsen. Pei dem tier ver\stên
Line: 19    
ich die gleichsnær, die ander läut zuo in lockent
Line: 20    
mit andæhtiger gepærde und zuckent si in den winkeln   20
Line: 21    
zuo pôshait und in den êwigen tôt. aber ich fürht, daz
Line: 22    
ir ze unsern zeiten kainer sei denn ainer: des ist auch
Line: 23    
laider diu werlt vol über al.



Chapter / Strophe: 16     16.
Line: 24    
Line: 25    
VON DEM KLAGANT



Line: 26    
Nereides mügent klagant haizen. daz sint merwun\der,
Line: 27    
an allem irm leib gar rauch und scharpf und habent
Line: 28    
ain ander gestalt wan der mensch hât. idoch geleichent
Line: 29    
si etswie vil an ir art dem menschen und ist ir weis reht
Line: 30    
als ob si klagen und wainen, wenn ir aineu sterben muoz   30
Line: 31    
und hœrent die läut nâhen gesezzen von verren ir kla\gen
Line: 32    
und ir wainen. alsô bekennt ir trauren, wie gar pit\ter
Line: 33    
des tôdes angst und nôt sei allen tœtleichen dingen.

Page: 240  
Line: 1    
Pei dem tier verstên in all bekêrt sündær wainend und
Line: 2    
klagend ir sünd und betrahtend, wie gar kurz die fräud
Line: 3    
ist diser kranken werlt.



Chapter / Strophe: 17     17.
Line: 4    
Line: 5    
VON DEN MERWEIBEN.



Line: 6    
Sirene sint merwunder gar wol gestimmet, sam Ari\stotiles
Line: 7    
spricht. die mügent ze däutsch merweip haizen,
Line: 8    
wan si habent oben von dem haupt unz an den nabel ainr
Line: 9    
frawen gestalt und habent ain edel grœzen und gar ain
Line: 10    
graussam antlütz. si habent auch auf dem haupt gar langez   10
Line: 11    
hâr und hertez, sam daz pfärdes hâr ist. si erscheinent
Line: 12    
dick auf dem mer mit irn kindeln, die tragent si an den
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armen reht als die frawen, wan si habent gar grôz prüst
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oder tütel, mit si diu kint säugent. daz nider tail an
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dem tier ist als daz nider tail ains adlarn, sam Adelînus   15
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spricht, und hât daz tier gar scharpf kræuln an den füe\zen,
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mit ez reizt waz ez begreift, und hât ze letzt
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ainen swanz mit schüepeln als ain visch, mit dem swimt
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ez in den wazzern. ez singt auz der mâzen süezleich,
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idoch hât ez niht ain gestuckt stimm als ain mensch, ez   20
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hât ain abwörtig stimm, sam die vogel habent. wenn die
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schefläut der stimm gaument, entslâfent si dick von
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der süezikait des gesanges und zereizent si dei mer\weip.
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dar umb verschoppent die schefläut ir ôrn, daz
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si des gesanges iht hœrn, und wenn si die sirên oder diu   25
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merweip sehent, fürhtent si in hart. Pei dem tier ver\stên
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ich diu untugenthaften weip, diu weipleicher zuht
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verlaugent habent, diu lockent mangen man ze pôshait.



Chapter / Strophe: 18     18.
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VON DER MERJUNCFRAWEN



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Scylla mag ain merjuncfrawe haizen, daz ist ain mer\wunder
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und ist den schefläuten und allen menschen veint
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und ist lustig und girig des menschen pluots und seins

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flaisches. daz tier hât ain haupt und ain prust reht als
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ain juncfraw und hât ainen weiten gerunzelten munt sam
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ain sirên und gar scharpf zend und hât ainen vihischen
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leip und ainen zagel oder ainen swanz als ain delphin.
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ez spricht daz puoch der ding, daz diu tier wunderleichen   5
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stark sein und daz man si niht leiht überwind in dem
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wazzer, aber auf dem land sint si niht stark und sint
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nâhen unstreitpær. Adelînus spricht, daz diu tier auch
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etswie vil wol singen und daz si gar wundervast flaisches
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gelust, und spricht auch, daz diu merwunder wonen in   10
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dem mer, daz Italiam und Siciliam diu zwai lant under\schait.
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Pei dem tier verstên ich die valschen juncfrawen,
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die mit gepänd als juncfrawen gênt und sich juncfrawen
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haizent und sprechent, si haben gar gevast, und ezzent
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doch flaisch haimleich an dem freitag: sint si gar   15
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girig nâch.



Chapter / Strophe: 19     19.
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VON DEM STICHEN.



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Stinchus mag ain stich haizen. daz ist ain tier, daz
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wont pei dem wazzer, daz Nilus haizt, in Egyptenlant,   20
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sam Isidorus spricht, und ist dem kutschdrillen geleich,
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von dem wir vor gesagt haben. idoch ist der stich klai\ner
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wan der kutschdrill. wenn man den trinkwein macht
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mit des tiers flaisch, vertreibt daz getranch die vergift,
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die der mensch in im hât. Pei dem tier verstên ich die   25
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hailigen peihtigær. wenn ain vergiftiger sündær daz ge\tranch
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seiner rewe mit des peihtigærs flaisch, daz ist mit
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seim rât, macht und nimt puoz über sein sünd und vol\pringt
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die puoz, kan diu vergift der sünden grôz
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nümmer werden, si verswind von der rew und von der   30
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puoz.



Chapter / Strophe: 20     20.
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VON DEM TESTE.



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Testeum haizt ain teste. daz merwunder hât ain hert
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haut, sam ain herteu schal ist, und spricht Aristotiles, daz   35

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daz tier geporn werd in dem arabischen mer. wenn daz
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tier krank ist, gêt ez in ain süez wazzer und trinkt
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etswie lang dar auz, und ez gesunt wirt, gêt ez wider
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in daz gesalzen wazzer. daz aber süezez wazzer in dem
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mer sei, daz bewært man mit. wer ainen wähseinen   5
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kopf in daz mer senket, der umb und umb beslozzen ist,
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und læzt in tag und naht dar inn, der vint in vol süezes
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wazzers. Pei dem tier verstên ich die widervallenden
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sündær, die zuo dem süezen wazzer des abwaschens irr
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sünd gênt und werdent gesunt, und dar nâch eilent si   10
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aber in daz trüeb pitter wazzer der sünden.




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This text is part of the TITUS edition of Konrad von Megenburg, Buch der Natur.

Copyright TITUS Project, Frankfurt a/M, 12.9.2008. No parts of this document may be republished in any form without prior permission by the copyright holder.